22.10.2026
Podiumsgespräch zum Umzug des DDR-Archivs Schreibende Arbeiter:innen von Ost- nach Westdeutschland

Mit dem staatspolitischen Bankrott der DDR verschwand nicht nur ein Staat; es verstummten auch die Erzählungen, Erfahrungen und Erinnerungen seiner Bewohner:innen. Betriebe wurden geschlossen, Genossenschaften aufgelöst, Bücher nicht mehr gedruckt und viele Erzählungen nicht mehr gehört. Verloren zu gehen drohten damit auch die (Selbst)-Beschreibungen eines anderen Lebens, einer zukünftigen Gesellschaft mit neuen Träumen und einem anderen Verhältnis zu Arbeit. Während das Erinnern und Erzählen über das Leben und Arbeiten in der DDR immer wieder in den Widerspruch politischer Debatten gezogen werden, bleiben weite Teile des noch existierenden Kultur- und Literaturbestandes von diesen Diskussionen unberührt.
Das “Archiv Schreibende ArbeiterInnen” in Ost-Berlin sammelte seit 1997 literarische Zeugnisse aus den Betrieben und Genossenschaften der DDR. Das Archiv spielt insbesondere seit dem Untergang der DDR eine Schlüsselrolle bei der Erschließung und Bewahrung von Texten aus der Arbeitswelt des DDR-Sozialismus. Mit dem Umzug des Archivs von Berlin nach Dortmund verlässt ein weiteres Mal ein einzigartiger, bisher wenig erschlossener, Kulturbestand Ostdeutschland und damit den Ort, an dem die hier erzählten Geschichten entstanden, geschrieben und verortet sind. Es verlässt damit auch die Gesellschaft, die die beschriebene Arbeit verrichtet hat und diejenigen Menschen, die diese Geschichten verfasst haben.
Was bedeutet der Umzug eines der letzten großen Bestände der Arbeits- und Laienliteratur aus dem Raum, den es beschreibt, den es aber gleichzeitig nicht mehr gibt? Geht der Bevölkerung Ostdeutschlands hier ein weiteres Mal ein Teil des eigenen Erinnerungs- und Kulturbestandes verloren oder könnte der Umzug auch eine Chance darstellen?
Das Podium fragt nach den Spuren von Träumen und Alltag eines anderen Lebens im Osten, nach dem Stand der erinnerungspolitischen Debatte um das Narrativ DDR sowie nach verborgenen Erinnerungen in der Arbeitsliteratur derselben.
Gäste:

Dolores Pieschke ist Autorin und gelernte Tierärztin. Als nach der Wende ihr Arbeitsort, das Staatliche Veterinärmedizinische Prüfungsinstitut, aufgelöst wurde, wandte sie sich der Literatur zu. Sie war langjährige Vorsitzende des Vereins “SchreibArt” und Leiterin des “Archiv Schreibende Arbeiterlnnen” aus der DDR. Dieses wurde 1992 in Berlin gegründet und ist im Herbst 2025 von Berlin-Schöneweide nach Dortmund umgezogen.
Peter Geist

Dr. Peter Geist ist Literaturwissenschaftler, Kritiker, Essayist und Herausgeber. Als Schüler war er Teil eines “Zirkels Schreibender Arbeiter”, dem er bis zum Germanistik Studium an der Karl-Marx-Universität Leipzig treu blieb. 1986/87 war er Lektor für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Cluj-Napoca (Rumänien) und promovierte 1987 mit einer Arbeit zum Thema Gedicht-Schreiben in der DDR zwischen Mitte der siebziger und Anfang der achtziger Jahre: Positionen – Probleme – Tendenzen. Von 1987-1996 war er Wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Universität Leipzig und anschließend Mitarbeiter am Literaturforum Brecht-Haus Berlin. Neben Stationen als Lehrbeauftragter (u.a. an den Universitäten Potsdam und Halle-Wittenberg) war er 2017-2023 Sekretär der Klasse Literatur und Sprachpflege. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf DDR-Literatur und Lyrik, den literarischen Umbrüchen nach 1989/90 und der gesamten deutschen Lyrik (“Echtermeyer”). Er hat zahlreich veröffentlicht, u.a. zur deutschsprachigen Literatur und Lyrik nach 1945. In 2027 erscheint der von ihm herausgegebene „text+kritik“ Sonderband „Post-DDR-Literatur im 21. Jahrhundert“.
Iuditha Balint

Dr. Iuditha Balint ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin und aktuell Direktorin des Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt in Dortmund. Als Germanistin war sie zuvor an der Universität Mannheim, der University of Virginia und der Universität Duisburg-Essen tätig. Sie forscht u.a. zum Zusammenhang von Literatur und Ökonomie, siehe ihre Promotion Erzählte Entgrenzungen. Arbeit zu Beginn des 21. Jahrhunderts (2017) oder die Herausgabe der Bandes Brotjobs & Literatur (2021). Seit 2020 gibt sie die Schriftenreihe “Literatur und Ökonomie” im Wilhelm Fink Verlag heraus.
Moderation:
DiasporaOst (Franziska Haug · Jonas Haug)
Wann: Fr · 27. November · 19:00
Eine Veranstaltung in Kooperation mit dem Fritz-Hüser-Institut - Literatur der Arbeitswelt

22.10.2026
Podiumsgespräch zum Umzug des DDR-Archivs Schreibende Arbeiter:innen von Ost- nach Westdeutschland

Mit dem staatspolitischen Bankrott der DDR verschwand nicht nur ein Staat; es verstummten auch die Erzählungen, Erfahrungen und Erinnerungen seiner Bewohner:innen. Betriebe wurden geschlossen, Genossenschaften aufgelöst, Bücher nicht mehr gedruckt und viele Erzählungen nicht mehr gehört. Verloren zu gehen drohten damit auch die (Selbst)-Beschreibungen eines anderen Lebens, einer zukünftigen Gesellschaft mit neuen Träumen und einem anderen Verhältnis zu Arbeit. Während das Erinnern und Erzählen über das Leben und Arbeiten in der DDR immer wieder in den Widerspruch politischer Debatten gezogen werden, bleiben weite Teile des noch existierenden Kultur- und Literaturbestandes von diesen Diskussionen unberührt.
Das “Archiv Schreibende ArbeiterInnen” in Ost-Berlin sammelte seit 1997 literarische Zeugnisse aus den Betrieben und Genossenschaften der DDR. Das Archiv spielt insbesondere seit dem Untergang der DDR eine Schlüsselrolle bei der Erschließung und Bewahrung von Texten aus der Arbeitswelt des DDR-Sozialismus. Mit dem Umzug des Archivs von Berlin nach Dortmund verlässt ein weiteres Mal ein einzigartiger, bisher wenig erschlossener, Kulturbestand Ostdeutschland und damit den Ort, an dem die hier erzählten Geschichten entstanden, geschrieben und verortet sind. Es verlässt damit auch die Gesellschaft, die die beschriebene Arbeit verrichtet hat und diejenigen Menschen, die diese Geschichten verfasst haben.
Was bedeutet der Umzug eines der letzten großen Bestände der Arbeits- und Laienliteratur aus dem Raum, den es beschreibt, den es aber gleichzeitig nicht mehr gibt? Geht der Bevölkerung Ostdeutschlands hier ein weiteres Mal ein Teil des eigenen Erinnerungs- und Kulturbestandes verloren oder könnte der Umzug auch eine Chance darstellen?
Das Podium fragt nach den Spuren von Träumen und Alltag eines anderen Lebens im Osten, nach dem Stand der erinnerungspolitischen Debatte um das Narrativ DDR sowie nach verborgenen Erinnerungen in der Arbeitsliteratur derselben.
Gäste:

Dolores Pieschke ist Autorin und gelernte Tierärztin. Als nach der Wende ihr Arbeitsort, das Staatliche Veterinärmedizinische Prüfungsinstitut, aufgelöst wurde, wandte sie sich der Literatur zu. Sie war langjährige Vorsitzende des Vereins “SchreibArt” und Leiterin des “Archiv Schreibende Arbeiterlnnen” aus der DDR. Dieses wurde 1992 in Berlin gegründet und ist im Herbst 2025 von Berlin-Schöneweide nach Dortmund umgezogen.
Peter Geist

Dr. Peter Geist ist Literaturwissenschaftler, Kritiker, Essayist und Herausgeber. Als Schüler war er Teil eines “Zirkels Schreibender Arbeiter”, dem er bis zum Germanistik Studium an der Karl-Marx-Universität Leipzig treu blieb. 1986/87 war er Lektor für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Cluj-Napoca (Rumänien) und promovierte 1987 mit einer Arbeit zum Thema Gedicht-Schreiben in der DDR zwischen Mitte der siebziger und Anfang der achtziger Jahre: Positionen – Probleme – Tendenzen. Von 1987-1996 war er Wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Universität Leipzig und anschließend Mitarbeiter am Literaturforum Brecht-Haus Berlin. Neben Stationen als Lehrbeauftragter (u.a. an den Universitäten Potsdam und Halle-Wittenberg) war er 2017-2023 Sekretär der Klasse Literatur und Sprachpflege. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf DDR-Literatur und Lyrik, den literarischen Umbrüchen nach 1989/90 und der gesamten deutschen Lyrik (“Echtermeyer”). Er hat zahlreich veröffentlicht, u.a. zur deutschsprachigen Literatur und Lyrik nach 1945. In 2027 erscheint der von ihm herausgegebene „text+kritik“ Sonderband „Post-DDR-Literatur im 21. Jahrhundert“.
Iuditha Balint

Dr. Iuditha Balint ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin und aktuell Direktorin des Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt in Dortmund. Als Germanistin war sie zuvor an der Universität Mannheim, der University of Virginia und der Universität Duisburg-Essen tätig. Sie forscht u.a. zum Zusammenhang von Literatur und Ökonomie, siehe ihre Promotion Erzählte Entgrenzungen. Arbeit zu Beginn des 21. Jahrhunderts (2017) oder die Herausgabe der Bandes Brotjobs & Literatur (2021). Seit 2020 gibt sie die Schriftenreihe “Literatur und Ökonomie” im Wilhelm Fink Verlag heraus.
Moderation: DiasporaOst (Franziska Haug · Jonas Haug)
Wann: Fr · 27. November · 19:00 Uhr
Eine Veranstaltung in Kooperation mit dem Fritz-Hüser-Institut - Literatur der Arbeitswelt

“Stellt Euch vor es ist Sozialismus und keiner geht weg.”
Christa Wolf
“Stellt Euch vor es ist Sozialismus und keiner geht weg.”
Christa Wolf
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Christa Wolf
“Stellt Euch vor es ist Sozialismus und keiner geht weg.”
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