FilmVorführung / 1966 / Frank Beyer
16.04.2024 20:00 Uhr
Kino Pupille Frankfurt am Main
Frank Beyers DEFA-Klassiker diskutiert die Widersprüche sozialistischer Planwirtschaft, indem er das Subjekt ins Verhältnis zur Partei setzt. So wird dieser Film zum Seismographen der noch jungen sozialistischen Gesellschaft und der Mikrokosmos der Baustelle zur Metapher für die DDR.
Kommentar: Simon Gurisch.

Spur der Steine ist ein Roman von Erik Neutsch. Der Roman erschien 1964 in einer Erstauflage von 500.000 Exemplaren im Mitteldeutschen Verlag Halle. Damit gehörte er zu den meistgelesenen Büchern in der DDR.
Der Roman behandelt den Aufbau des fiktiven Chemiekombinats Schkona im mitteldeutschen Industrie-Dreieck um Halle, Schkopau und Leuna. Dieser Name deutet bereits sehr stark auf die großen Chemiekombinate der Buna-Werke bei Schkopau und die Leuna-Werke hin.
Diese Chemiekombinate und vor allem die Buna-Werke waren für die rohstoffarme DDR von zentraler Bedeutung. Die Steigerung und der Ausbau der Chemiefabriken standen deswegen im Mittelpunkt der Industriepolitik der 1950er-Jahre. So fand in Leuna 1958 eine Chemiekonferenz statt, die die Verdopplung der Produktion bis 1965 beschlossen hatte. Die Parteiführung trieb daher den Ausbau der Anlagen massiv voran und sorgte dafür, dass aus der gesamten Republik Tausende ArbeiterInnen und IngenieurInnen in der Region neu angesiedelt wurden. Zudem hatte die DDR bis zum Bau der Berliner Mauer 1961 mit der massiven Abwanderung von Fachkräften auch aus der Chemieproduktion zu tun, aber auch mit ehemaligen Nazis, die schon vor dem Krieg in den Chemieanlagen gearbeitet hatten. Die entstehenden Großbaustellen der 1960er-Jahre waren deswegen besondere Orte.
Erik Neutsch nutzt diesen Schmelztiegel literarisch, um wie durch ein Brennglas konzentriert die Situation der jungen DDR und ihrer Konflikte darzustellen. Er entwirft ein ausgreifendes Figuren-Ensemble und versucht, einen detaillierten Einblick in den sozialistischen Alltag dieser Zeit zu geben. Er schreckt nicht davor zurück, Mangellagen in der Materialversorgung, teils bornierte Vorgaben der Wirtschaftsplaner oder das daraus entstehende Chaos zu thematisieren. Auch eine Darstellung der Umweltzerstörung ist in dem Roman zu finden, was ihn von anderen Romanen dieser Zeit unterscheidet, die stärker idealisierend auf die ArbeiterInnenklasse und den Aufbau des Sozialismus zugreifen. Obwohl das Buch in diesen Punkten von vielen öffentlichen Darstellungen der SED abweicht und die Parteifunktionäre durchaus kritisch gezeichnet werden, wurde es von der Literaturkritik sehr positiv aufgenommen und Erik Neutsch erhielt noch im Jahr seines Erscheinens den Nationalpreis für Kunst und Literatur.
Wichtig ist auch zu erwähnen, dass der Roman durch den Bitterfelder Weg beeinflusst wurde. Namensgebend für diesen Weg ist eine am 24. April 1959 veranstaltete Autorenkonferenz des Mitteldeutschen Verlages, in dem Spur der Steine publiziert wurde, im Elektrochemischen Kombinat Bitterfeld. Ansinnen dieser Konferenz war es zum einen, zu klären, wie den Werktätigen ein aktiver Zugang zu Kunst und Kultur ermöglicht werden könnte. Die „vorhandene Trennung von Kunst und Leben“ und die „Entfremdung zwischen Künstler und Volk“ sollten überwunden, die Arbeiterklasse am Aufbau des Sozialismus umfassender beteiligt werden. Dazu sollten u. a. Künstler und Schriftsteller in den Fabriken arbeiten und Arbeiter bei deren eigener künstlerischer Tätigkeit unterstützen, also die Bewegung schreibender Arbeiter. Der Bitterfelder Weg versuchte, an Traditionen der frühen Sowjetunion anzuknüpfen, wobei besonders Majakowskis Forderungen aus dem „Sendschreiben an die proletarischen Dichter“ von 1926 vorbildlich waren. Auf dem fünften Parteitag der SED 1958 stellte dann Ulbricht die Forderung auf: „In Staat und Wirtschaft ist die Arbeiterklasse der DDR bereits Herr. Jetzt muss sie auch die Höhen der Kultur stürmen und von ihnen Besitz ergreifen.“ Damit befinden wir uns bereits direkt im politischen Kontext der Entstehung der Verfilmung von Spur der Steine.
Bereits 1965, also ein Jahr nach Erscheinen des Romans, wurde dem Filmregisseur Frank Beyer die Umsetzung der Romanvorlage angeboten. Frank Beyer zählte zu dieser Zeit als festangestellter Regisseur zu den auch international renommiertesten Regisseuren, die die DEFA unter Vertrag hatte. Seine Romanverfilmungen von Nackt unter Wölfen (1963), Spur der Steine (1966) und später Jakob der Lügner (1974) wurden auch im Ausland mit vielen Preisen bedacht. Also bereits vor der Verfilmung von Spur der Steine hatte sich Beyer einen Namen mit der Umsetzung von dezidiert antifaschistischen Stoffen gemacht. Daher ist es wichtig zu verstehen, welche Bedeutung der Verfilmung von Spur der Steine von der DEFA zugemessen wurde. Der Film hatte insgesamt ein Budget von 2,7 Millionen Mark, etwa dreimal mehr als ein durchschnittlicher DEFA-Film Mitte der 1960er-Jahre. Diese Bedeutung drückt sich auch im Cast aus. Die Hauptrollen sollten ursprünglich mit Manfred Krug, Armin Mueller-Stahl und Jutta Hoffmann besetzt werden. Schlichtweg Stars. Letztere beiden mussten absagen, weil sie in andere Produktionen eingebunden waren. So kamen letztlich zu Manfred Krug in der Rolle des Zimmermanns Hannes Balla noch Krystyna Stypułkowska als Ingenieurin Kati Klee und Eberhard Esche als Parteisekretär Werner Horrath hinzu. Stypułkowska war eine junge polnische Schauspielerin und wurde im Film von Jutta Hoffmann synchronisiert. Esche war hingegen etablierter Theater- und Filmschauspieler und war kurz zuvor in Konrad Wolfs Der geteilte Himmel (1964) zu sehen.
Warum weise ich auf diese Punkte hin? Es ist meines Erachtens sehr wichtig zu verstehen, dass die DEFA in dieses Filmprojekt erhebliche Ressourcen steckte. Das betrifft nicht nur das erheblich über dem Durchschnitt vergleichbarer Projekte liegende Budget, den berühmten Regisseur und Cast, sondern auch die Möglichkeit, ab dem 3. Mai 1965 in den originalen Industriegebieten von Leuna, Schwedt und in Coswig (Anhalt) zu drehen.
Da dem Politbüro die Sprengkraft des Romans und seine Popularität klar vor Augen standen, wurde Frank Beyer u. a. zum damaligen Kulturminister Hans Bentzien zitiert, der um eine „korrekte“ Darstellung der SED-Funktionäre besorgt gewesen sei. Wie damals üblich, legte Beyer das Drehbuch allen Instanzen noch vor Beginn der Dreharbeiten vor und hatte eine offizielle Freigabe für den Film erhalten. Bereits Ende Oktober 1965 legte er eine Rohschnitt-Fassung zur Abnahme durch die Hauptverwaltung Film des Ministeriums für Kultur vor und erlangte eine Abnahme.
Auf dem 11. Plenum des ZK der SED, das im Dezember 1965 tagte, also nur zwei Monate später, griff Erich Honecker als einer der Wortführer verschiedene Kulturschaffende wie die Regisseure Kurt Maetzig und Frank Beyer scharf an, denen er „Unmoral“, „Dekadenz“, „spießbürgerlichen Skeptizismus“ und „Staatsfeindlichkeit“ vorwarf. Das Plenum beendete die Ansätze einer kulturpolitischen Liberalisierung der DDR, die sich nach dem VI. Parteitag der SED im Januar 1963 gezeigt hatten. Zwölf Produktionen, darunter auch Spur der Steine, und damit fast die komplette DEFA-Jahresproduktion an Gegenwartsfilmen wurden als regimekritisch eingestuft und aus dem Verleih genommen.
Zur gleichen Zeit liefen die Proben für Heiner Müllers Adaption von Spur der Steine, Der Bau, als Auftragswerk am Deutschen Theater Berlin. Müllers Drama gehörte neben Beyers Film auf dem Plenum zu den von Erich Honecker am heftigsten kritisierten Kunstwerken. Die Proben wurden abgebrochen und das Stück wurde verboten, vermutlich auf persönliche Intervention Honeckers.
Bei der Filmpremiere von Spur der Steine am 30. Juni 1966 im Ost-Berliner Kino International, bei der Regisseur Frank Beyer und sämtliche Hauptdarsteller anwesend waren, kam es zum Eklat. Die Vorführung wurde nach kurzer Zeit von organisierten Protesten und Zwischenrufen gestört. Als Grund wurde die Darstellung der Arbeiter und Parteisekretäre in diesem Film genannt. Dieses Schema setzte sich bei folgenden Vorführungen fort, und dann wurde der Film in der DDR bis 1989 nicht mehr öffentlich gezeigt.
Brigitte Reimann kommentierte die Entwicklungen nach dem 11. Plenum und Honeckers Angriffen in ihrem Tagebuch treffend:
„Heute war die Rede Honeckers auf dem ZK-Plenum abgedruckt. Die Katze ist aus dem Sack: die Schriftsteller sind schuld an der sittlichen Verrohung der Jugend. Destruktive Kunstwerke, brutale Darstellungen, westlicher Einfluß, Sexualorgien, weiß der Teufel was – und natürlich die böse Lust am Zweifeln. Die Schriftsteller stehen meckernd abseits, während unsere braven Werktätigen den Sozialismus aufbauen. […]“[1]
Ich denke, darin werden einige sehr wichtige Momente deutlich, die die Entstehungsbedingungen, aber auch die Rezeption von Spur der Steine maßgeblich beeinflusst haben: Ich schlage vor, mit Brigitte Reimanns Formulierung diesen Film als einen Ausdruck des Aufbruchs der Jugendlichkeit in der DDR zu verstehen. Als Ausdruck einer Jugendlichkeit, die sich vor allem darin ausdrückt, genauso intensiv zu träumen, wie man bereit ist zu zweifeln. Jugendlichkeit entfaltet in diesem Film dabei so eine besondere Kraft, weil sie nicht mehr auf die bourgeoisen Refugien der städtischen Bohème beschränkt wird, sondern sich ganz im Gegenteil in den Orten des proletarischen Alltags manifestiert. Und dieser Ort des proletarischen Alltags ist die Großbaustelle. Sie ist der Ort, an dem ein Proletariat beginnt, eigenständig über seine alltäglichen Probleme und Widersprüche zu zweifeln und zu träumen. Die Großbaustelle tritt damit allerdings auch in unmittelbare Konkurrenz zur in den Städten zentralisierten Kulturpolitik der Partei. Und genau das sucht der Film, wie der Roman, produktiv auszutragen. Gerade darin kann man den Film als einen ernsthaften Ausdruck einer anspruchsvollen Auseinandersetzung mit dem Programm des Bitterfelder Wegs verstehen.
Der Film stellt viel stärker als die Romanvorlage die Beziehung zwischen Hannes Balla, Kati Klee und Werner Horrath ins Zentrum. Damit folgt die Anlage der filmischen Erzählung zunächst einem Schema, das zu dieser Zeit bspw. in der französischen Nouvelle Vague bekannt wird. Denken wir hier nur an François Truffauts Jules et Jim etc. Der offene Wettstreit zwischen zwei Männern um eine Frau stellt zwar einen Bruch mit bürgerlichen Keuschheitsvorgaben dar, bleibt in dieser Konstellation dennoch oft abgeschmackt. Um eine Frau buhlende Männer dominieren in solchen Erzählungen schnell den Gang der narrativen Entwicklung und drohen, den Frauencharakter zu objektivieren. Daher lädt Spur der Steine besonders dazu ein, diesen Problemkomplex weiter zu vertiefen. Nicht nur buhlen hier zwei Männer um eine Frau, hinzu kommt, dass alle drei beinahe wie Archetypen der DDR-Gesellschaft gezeichnet sind.
Hannes Balla, der forsche Zimmermann, schert sich nicht um Konventionen und schöpft aus seiner körperlichen Stärke, seinem Aussehen und dem Ornat seiner Zunft ein Selbstbewusstsein, das schwerlich mit dem Arbeiter- und Bauernstaat zu vereinbaren scheint. Er ist zugleich Träger einer unbändigbaren Kraft und Jugendlichkeit, aber gleichzeitig ist er ein Relikt einer überkommenen Vergangenheit, die von Ehre und Tradition bestimmt war. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen schreibt der Film bis tief in das Bild und Ideal dessen ein, was Balla selbst zunächst als seine Männlichkeit begreift.
Ihm gegenüber steht Kati Klee, die junge Ingenieurin, die Ausdruck einer neuen sozialistischen Vorstellung von Frau ist. Sie hat ihr Studium absolviert, obwohl sie Mutter ist, und schreckt nicht davor zurück, eine Leitungsfunktion auf der Großbaustelle zu übernehmen. Gleichzeitig führt das zu erheblichen Irritationen, und sie wird auf der Baustelle des Öfteren als Frau für unfähig erklärt. Teils wirkt sie wie ein Fremdkörper auf der Baustelle. Damit wirkt aber zugleich das Bild der werktätigen Frau, das die Parteiführung als Ideal ausgegeben und tatsächlich auch gefördert hat, etwa durch Kinderbetreuung etc., wie ein Fremdkörper im proletarischen Alltag.
Hinzu kommt noch der junge Parteifunktionär Werner Horrath. Er wird auf die Baustelle geschickt, um den Diebstahl von Material zu unterbinden und die Produktivität im Sinne der Parteivorgaben zu erhöhen. Darüber hinaus soll er die integrierende Funktion der Partei symbolisieren, die in der Lage ist, all die verschiedenen Akteure unter einem Ziel zu vereinen. Der teils idealistisch auftretende Horrath muss den guten, aber widerspenstigen Zimmermann Balla vom Sozialismus überzeugen. Das ist von besonderer Tragweite, weil es in der Aufbauphase der DDR ein massives Problem darstellte, eine Bevölkerung vom sozialistischen Projekt zu überzeugen, die in ihrer Mehrheit gar nicht zur Arbeiterschaft gehörte, sondern zum Handwerk, zu den Bauern etc.
Nun kommt es, wie es in so einer Dreierkonstellation kommen muss, und beide Männer verlieben sich in Kati Klee, bzw. begehren sie. Damit treten die beiden Männer neben ihrer beruflichen Beziehung in eine weitere Beziehung, die dem Film die Möglichkeit gibt, beide Beziehungen aus anderen Perspektiven zu behandeln.
Der Parteifunktionär Horrath ist da bereits verheiratet und hat Kinder. Auf diese Weise wird sein Verhalten Kati gegenüber nicht nur moralisch unterfüttert. Vielmehr will ich dazu anregen, den Film nicht so zu verstehen, dass er Horrath moralisches Versagen vorwirft. Stattdessen möchte ich vorschlagen, dass die Liebesbeziehung zu Kati Klee für beide Männer zu einer Frage der Verantwortung für sie, für die Wahrheit des eigenen Begehrens und für die Überzeugung gegenüber dem sozialistischen Aufbau wird. Die Liebesbeziehung verändert damit ihren Status: Sie wird von einem moralischen zu einem eminent politischen Problem. Anders als bspw. bei Jules et Jim wird in Spur der Steine eine eminent geschlechterpolitische Frage entwickelt, die der Film mit dem Aufbau des Chemiewerkes parallelisiert. Der Film verschließt vor den geschlechterpolitischen Widersprüchen zwischen den Parteiprogrammen und dem proletarischen Alltag genauso wenig die Augen wie vor den Widersprüchen auf der Großbaustelle.
Das führt zu einem dritten Punkt, einem kurzen, abschließenden Kommentar: Zum Ende des Filmes kommt es zu einer Verhandlung über das Verhalten von Parteifunktionär Horrath. Hier macht der Film in ästhetischer Hinsicht seine Verbundenheit gegenüber dem Brechtschen Lehrstück deutlich. Der Film selbst zeigt in fast theatraler Manier die Verhandlung und lässt darin die verschiedenen Akteure urteilen. Es urteilt nicht die Partei von oben. Es sind die am Aufbau beteiligten Arbeiter, die über Horrath urteilen. Diese Situation lädt uns Zuschauende dazu ein, wie in Brechts Maßnahme die Position des Beschuldigten und der Urteilenden abwechselnd zu übernehmen. Der Film will die Widersprüche des jungen Sozialismus auf deutschem Boden nicht austreiben, nicht versöhnen. Er will sie austragbar, verhandelbar machen. Es kann keinen sozialistischen Aufbau geben, der nicht in diesem Sinne Widersprüche zum Ausgangspunkt seiner Träume und seines Zweifels macht. So ist es nicht verwunderlich, dass der Saal, in welchem die Verhandlung stattfindet, erst zusammen mit dem Werk und dem wachsenden Kind von Kati ins Leben tritt.
[1] Brigitte Reimann, Tagebucheintrag vom 16. Dezember 1965, in: B.R.: Alles schmeckt nach Abschied. Tagebücher 1964–1970. Berlin 1998, S. 170.




FilmVorführung / 1966 / Frank Beyer
16.04.2024 20:00 Uhr
Kino Pupille Frankfurt am Main
Frank Beyers DEFA-Klassiker diskutiert die Widersprüche sozialistischer Planwirtschaft, indem er das Subjekt ins Verhältnis zur Partei setzt. So wird dieser Film zum Seismographen der noch jungen sozialistischen Gesellschaft und der Mikrokosmos der Baustelle zur Metapher für die DDR.
Kommentar: Simon Gurisch.

Spur der Steine ist ein Roman von Erik Neutsch. Der Roman erschien 1964 in einer Erstauflage von 500.000 Exemplaren im Mitteldeutschen Verlag Halle. Damit gehörte er zu den meistgelesenen Büchern in der DDR.
Der Roman behandelt den Aufbau des fiktiven Chemiekombinats Schkona im mitteldeutschen Industrie-Dreieck um Halle, Schkopau und Leuna. Dieser Name deutet bereits sehr stark auf die großen Chemiekombinate der Buna-Werke bei Schkopau und die Leuna-Werke hin.
Diese Chemiekombinate und vor allem die Buna-Werke waren für die rohstoffarme DDR von zentraler Bedeutung. Die Steigerung und der Ausbau der Chemiefabriken standen deswegen im Mittelpunkt der Industriepolitik der 1950er-Jahre. So fand in Leuna 1958 eine Chemiekonferenz statt, die die Verdopplung der Produktion bis 1965 beschlossen hatte. Die Parteiführung trieb daher den Ausbau der Anlagen massiv voran und sorgte dafür, dass aus der gesamten Republik Tausende ArbeiterInnen und IngenieurInnen in der Region neu angesiedelt wurden. Zudem hatte die DDR bis zum Bau der Berliner Mauer 1961 mit der massiven Abwanderung von Fachkräften auch aus der Chemieproduktion zu tun, aber auch mit ehemaligen Nazis, die schon vor dem Krieg in den Chemieanlagen gearbeitet hatten. Die entstehenden Großbaustellen der 1960er-Jahre waren deswegen besondere Orte.
Erik Neutsch nutzt diesen Schmelztiegel literarisch, um wie durch ein Brennglas konzentriert die Situation der jungen DDR und ihrer Konflikte darzustellen. Er entwirft ein ausgreifendes Figuren-Ensemble und versucht, einen detaillierten Einblick in den sozialistischen Alltag dieser Zeit zu geben. Er schreckt nicht davor zurück, Mangellagen in der Materialversorgung, teils bornierte Vorgaben der Wirtschaftsplaner oder das daraus entstehende Chaos zu thematisieren. Auch eine Darstellung der Umweltzerstörung ist in dem Roman zu finden, was ihn von anderen Romanen dieser Zeit unterscheidet, die stärker idealisierend auf die ArbeiterInnenklasse und den Aufbau des Sozialismus zugreifen. Obwohl das Buch in diesen Punkten von vielen öffentlichen Darstellungen der SED abweicht und die Parteifunktionäre durchaus kritisch gezeichnet werden, wurde es von der Literaturkritik sehr positiv aufgenommen und Erik Neutsch erhielt noch im Jahr seines Erscheinens den Nationalpreis für Kunst und Literatur.
Wichtig ist auch zu erwähnen, dass der Roman durch den Bitterfelder Weg beeinflusst wurde. Namensgebend für diesen Weg ist eine am 24. April 1959 veranstaltete Autorenkonferenz des Mitteldeutschen Verlages, in dem Spur der Steine publiziert wurde, im Elektrochemischen Kombinat Bitterfeld. Ansinnen dieser Konferenz war es zum einen, zu klären, wie den Werktätigen ein aktiver Zugang zu Kunst und Kultur ermöglicht werden könnte. Die „vorhandene Trennung von Kunst und Leben“ und die „Entfremdung zwischen Künstler und Volk“ sollten überwunden, die Arbeiterklasse am Aufbau des Sozialismus umfassender beteiligt werden. Dazu sollten u. a. Künstler und Schriftsteller in den Fabriken arbeiten und Arbeiter bei deren eigener künstlerischer Tätigkeit unterstützen, also die Bewegung schreibender Arbeiter. Der Bitterfelder Weg versuchte, an Traditionen der frühen Sowjetunion anzuknüpfen, wobei besonders Majakowskis Forderungen aus dem „Sendschreiben an die proletarischen Dichter“ von 1926 vorbildlich waren. Auf dem fünften Parteitag der SED 1958 stellte dann Ulbricht die Forderung auf: „In Staat und Wirtschaft ist die Arbeiterklasse der DDR bereits Herr. Jetzt muss sie auch die Höhen der Kultur stürmen und von ihnen Besitz ergreifen.“ Damit befinden wir uns bereits direkt im politischen Kontext der Entstehung der Verfilmung von Spur der Steine.
Bereits 1965, also ein Jahr nach Erscheinen des Romans, wurde dem Filmregisseur Frank Beyer die Umsetzung der Romanvorlage angeboten. Frank Beyer zählte zu dieser Zeit als festangestellter Regisseur zu den auch international renommiertesten Regisseuren, die die DEFA unter Vertrag hatte. Seine Romanverfilmungen von Nackt unter Wölfen (1963), Spur der Steine (1966) und später Jakob der Lügner (1974) wurden auch im Ausland mit vielen Preisen bedacht. Also bereits vor der Verfilmung von Spur der Steine hatte sich Beyer einen Namen mit der Umsetzung von dezidiert antifaschistischen Stoffen gemacht. Daher ist es wichtig zu verstehen, welche Bedeutung der Verfilmung von Spur der Steine von der DEFA zugemessen wurde. Der Film hatte insgesamt ein Budget von 2,7 Millionen Mark, etwa dreimal mehr als ein durchschnittlicher DEFA-Film Mitte der 1960er-Jahre. Diese Bedeutung drückt sich auch im Cast aus. Die Hauptrollen sollten ursprünglich mit Manfred Krug, Armin Mueller-Stahl und Jutta Hoffmann besetzt werden. Schlichtweg Stars. Letztere beiden mussten absagen, weil sie in andere Produktionen eingebunden waren. So kamen letztlich zu Manfred Krug in der Rolle des Zimmermanns Hannes Balla noch Krystyna Stypułkowska als Ingenieurin Kati Klee und Eberhard Esche als Parteisekretär Werner Horrath hinzu. Stypułkowska war eine junge polnische Schauspielerin und wurde im Film von Jutta Hoffmann synchronisiert. Esche war hingegen etablierter Theater- und Filmschauspieler und war kurz zuvor in Konrad Wolfs Der geteilte Himmel (1964) zu sehen.
Warum weise ich auf diese Punkte hin? Es ist meines Erachtens sehr wichtig zu verstehen, dass die DEFA in dieses Filmprojekt erhebliche Ressourcen steckte. Das betrifft nicht nur das erheblich über dem Durchschnitt vergleichbarer Projekte liegende Budget, den berühmten Regisseur und Cast, sondern auch die Möglichkeit, ab dem 3. Mai 1965 in den originalen Industriegebieten von Leuna, Schwedt und in Coswig (Anhalt) zu drehen.
Da dem Politbüro die Sprengkraft des Romans und seine Popularität klar vor Augen standen, wurde Frank Beyer u. a. zum damaligen Kulturminister Hans Bentzien zitiert, der um eine „korrekte“ Darstellung der SED-Funktionäre besorgt gewesen sei. Wie damals üblich, legte Beyer das Drehbuch allen Instanzen noch vor Beginn der Dreharbeiten vor und hatte eine offizielle Freigabe für den Film erhalten. Bereits Ende Oktober 1965 legte er eine Rohschnitt-Fassung zur Abnahme durch die Hauptverwaltung Film des Ministeriums für Kultur vor und erlangte eine Abnahme.
Auf dem 11. Plenum des ZK der SED, das im Dezember 1965 tagte, also nur zwei Monate später, griff Erich Honecker als einer der Wortführer verschiedene Kulturschaffende wie die Regisseure Kurt Maetzig und Frank Beyer scharf an, denen er „Unmoral“, „Dekadenz“, „spießbürgerlichen Skeptizismus“ und „Staatsfeindlichkeit“ vorwarf. Das Plenum beendete die Ansätze einer kulturpolitischen Liberalisierung der DDR, die sich nach dem VI. Parteitag der SED im Januar 1963 gezeigt hatten. Zwölf Produktionen, darunter auch Spur der Steine, und damit fast die komplette DEFA-Jahresproduktion an Gegenwartsfilmen wurden als regimekritisch eingestuft und aus dem Verleih genommen.
Zur gleichen Zeit liefen die Proben für Heiner Müllers Adaption von Spur der Steine, Der Bau, als Auftragswerk am Deutschen Theater Berlin. Müllers Drama gehörte neben Beyers Film auf dem Plenum zu den von Erich Honecker am heftigsten kritisierten Kunstwerken. Die Proben wurden abgebrochen und das Stück wurde verboten, vermutlich auf persönliche Intervention Honeckers.
Bei der Filmpremiere von Spur der Steine am 30. Juni 1966 im Ost-Berliner Kino International, bei der Regisseur Frank Beyer und sämtliche Hauptdarsteller anwesend waren, kam es zum Eklat. Die Vorführung wurde nach kurzer Zeit von organisierten Protesten und Zwischenrufen gestört. Als Grund wurde die Darstellung der Arbeiter und Parteisekretäre in diesem Film genannt. Dieses Schema setzte sich bei folgenden Vorführungen fort, und dann wurde der Film in der DDR bis 1989 nicht mehr öffentlich gezeigt.
Brigitte Reimann kommentierte die Entwicklungen nach dem 11. Plenum und Honeckers Angriffen in ihrem Tagebuch treffend:
„Heute war die Rede Honeckers auf dem ZK-Plenum abgedruckt. Die Katze ist aus dem Sack: die Schriftsteller sind schuld an der sittlichen Verrohung der Jugend. Destruktive Kunstwerke, brutale Darstellungen, westlicher Einfluß, Sexualorgien, weiß der Teufel was – und natürlich die böse Lust am Zweifeln. Die Schriftsteller stehen meckernd abseits, während unsere braven Werktätigen den Sozialismus aufbauen. […]“[1]
Ich denke, darin werden einige sehr wichtige Momente deutlich, die die Entstehungsbedingungen, aber auch die Rezeption von Spur der Steine maßgeblich beeinflusst haben: Ich schlage vor, mit Brigitte Reimanns Formulierung diesen Film als einen Ausdruck des Aufbruchs der Jugendlichkeit in der DDR zu verstehen. Als Ausdruck einer Jugendlichkeit, die sich vor allem darin ausdrückt, genauso intensiv zu träumen, wie man bereit ist zu zweifeln. Jugendlichkeit entfaltet in diesem Film dabei so eine besondere Kraft, weil sie nicht mehr auf die bourgeoisen Refugien der städtischen Bohème beschränkt wird, sondern sich ganz im Gegenteil in den Orten des proletarischen Alltags manifestiert. Und dieser Ort des proletarischen Alltags ist die Großbaustelle. Sie ist der Ort, an dem ein Proletariat beginnt, eigenständig über seine alltäglichen Probleme und Widersprüche zu zweifeln und zu träumen. Die Großbaustelle tritt damit allerdings auch in unmittelbare Konkurrenz zur in den Städten zentralisierten Kulturpolitik der Partei. Und genau das sucht der Film, wie der Roman, produktiv auszutragen. Gerade darin kann man den Film als einen ernsthaften Ausdruck einer anspruchsvollen Auseinandersetzung mit dem Programm des Bitterfelder Wegs verstehen.
Der Film stellt viel stärker als die Romanvorlage die Beziehung zwischen Hannes Balla, Kati Klee und Werner Horrath ins Zentrum. Damit folgt die Anlage der filmischen Erzählung zunächst einem Schema, das zu dieser Zeit bspw. in der französischen Nouvelle Vague bekannt wird. Denken wir hier nur an François Truffauts Jules et Jim etc. Der offene Wettstreit zwischen zwei Männern um eine Frau stellt zwar einen Bruch mit bürgerlichen Keuschheitsvorgaben dar, bleibt in dieser Konstellation dennoch oft abgeschmackt. Um eine Frau buhlende Männer dominieren in solchen Erzählungen schnell den Gang der narrativen Entwicklung und drohen, den Frauencharakter zu objektivieren. Daher lädt Spur der Steine besonders dazu ein, diesen Problemkomplex weiter zu vertiefen. Nicht nur buhlen hier zwei Männer um eine Frau, hinzu kommt, dass alle drei beinahe wie Archetypen der DDR-Gesellschaft gezeichnet sind.
Hannes Balla, der forsche Zimmermann, schert sich nicht um Konventionen und schöpft aus seiner körperlichen Stärke, seinem Aussehen und dem Ornat seiner Zunft ein Selbstbewusstsein, das schwerlich mit dem Arbeiter- und Bauernstaat zu vereinbaren scheint. Er ist zugleich Träger einer unbändigbaren Kraft und Jugendlichkeit, aber gleichzeitig ist er ein Relikt einer überkommenen Vergangenheit, die von Ehre und Tradition bestimmt war. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen schreibt der Film bis tief in das Bild und Ideal dessen ein, was Balla selbst zunächst als seine Männlichkeit begreift.
Ihm gegenüber steht Kati Klee, die junge Ingenieurin, die Ausdruck einer neuen sozialistischen Vorstellung von Frau ist. Sie hat ihr Studium absolviert, obwohl sie Mutter ist, und schreckt nicht davor zurück, eine Leitungsfunktion auf der Großbaustelle zu übernehmen. Gleichzeitig führt das zu erheblichen Irritationen, und sie wird auf der Baustelle des Öfteren als Frau für unfähig erklärt. Teils wirkt sie wie ein Fremdkörper auf der Baustelle. Damit wirkt aber zugleich das Bild der werktätigen Frau, das die Parteiführung als Ideal ausgegeben und tatsächlich auch gefördert hat, etwa durch Kinderbetreuung etc., wie ein Fremdkörper im proletarischen Alltag.
Hinzu kommt noch der junge Parteifunktionär Werner Horrath. Er wird auf die Baustelle geschickt, um den Diebstahl von Material zu unterbinden und die Produktivität im Sinne der Parteivorgaben zu erhöhen. Darüber hinaus soll er die integrierende Funktion der Partei symbolisieren, die in der Lage ist, all die verschiedenen Akteure unter einem Ziel zu vereinen. Der teils idealistisch auftretende Horrath muss den guten, aber widerspenstigen Zimmermann Balla vom Sozialismus überzeugen. Das ist von besonderer Tragweite, weil es in der Aufbauphase der DDR ein massives Problem darstellte, eine Bevölkerung vom sozialistischen Projekt zu überzeugen, die in ihrer Mehrheit gar nicht zur Arbeiterschaft gehörte, sondern zum Handwerk, zu den Bauern etc.
Nun kommt es, wie es in so einer Dreierkonstellation kommen muss, und beide Männer verlieben sich in Kati Klee, bzw. begehren sie. Damit treten die beiden Männer neben ihrer beruflichen Beziehung in eine weitere Beziehung, die dem Film die Möglichkeit gibt, beide Beziehungen aus anderen Perspektiven zu behandeln.
Der Parteifunktionär Horrath ist da bereits verheiratet und hat Kinder. Auf diese Weise wird sein Verhalten Kati gegenüber nicht nur moralisch unterfüttert. Vielmehr will ich dazu anregen, den Film nicht so zu verstehen, dass er Horrath moralisches Versagen vorwirft. Stattdessen möchte ich vorschlagen, dass die Liebesbeziehung zu Kati Klee für beide Männer zu einer Frage der Verantwortung für sie, für die Wahrheit des eigenen Begehrens und für die Überzeugung gegenüber dem sozialistischen Aufbau wird. Die Liebesbeziehung verändert damit ihren Status: Sie wird von einem moralischen zu einem eminent politischen Problem. Anders als bspw. bei Jules et Jim wird in Spur der Steine eine eminent geschlechterpolitische Frage entwickelt, die der Film mit dem Aufbau des Chemiewerkes parallelisiert. Der Film verschließt vor den geschlechterpolitischen Widersprüchen zwischen den Parteiprogrammen und dem proletarischen Alltag genauso wenig die Augen wie vor den Widersprüchen auf der Großbaustelle.
Das führt zu einem dritten Punkt, einem kurzen, abschließenden Kommentar: Zum Ende des Filmes kommt es zu einer Verhandlung über das Verhalten von Parteifunktionär Horrath. Hier macht der Film in ästhetischer Hinsicht seine Verbundenheit gegenüber dem Brechtschen Lehrstück deutlich. Der Film selbst zeigt in fast theatraler Manier die Verhandlung und lässt darin die verschiedenen Akteure urteilen. Es urteilt nicht die Partei von oben. Es sind die am Aufbau beteiligten Arbeiter, die über Horrath urteilen. Diese Situation lädt uns Zuschauende dazu ein, wie in Brechts Maßnahme die Position des Beschuldigten und der Urteilenden abwechselnd zu übernehmen. Der Film will die Widersprüche des jungen Sozialismus auf deutschem Boden nicht austreiben, nicht versöhnen. Er will sie austragbar, verhandelbar machen. Es kann keinen sozialistischen Aufbau geben, der nicht in diesem Sinne Widersprüche zum Ausgangspunkt seiner Träume und seines Zweifels macht. So ist es nicht verwunderlich, dass der Saal, in welchem die Verhandlung stattfindet, erst zusammen mit dem Werk und dem wachsenden Kind von Kati ins Leben tritt.
[1] Brigitte Reimann, Tagebucheintrag vom 16. Dezember 1965, in: B.R.: Alles schmeckt nach Abschied. Tagebücher 1964–1970. Berlin 1998, S. 170.




“Stellt Euch vor es ist Sozialismus und keiner geht weg.”
Christa Wolf
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